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GovRadar: Das Start-up für die Digitalisierung deutscher Behörden
04.12.2020

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Sascha Soyk hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Digitalisierung in deutschen Behörden voranzubringen. Wie genau er sich dieser Herausforderung mit seinem Startup GovRadar stellt und welche Tipps er für GründerInnen hat, erzählt er in unserem Interview.

Wie ging es für Sie nach Ihrem Studium Master in Management weiter?

Ich bin zunächst in die Strategieberatung Roland Berger gegangen. Ich hatte damals einen Workshop von Berger an der Uni besucht und habe im Anschluss an ein Praktikum, ein Angebot zu einem Direkteinstieg nach dem Master bekommen. In den viereinhalb Jahren Beratung bin ich kaum in Kontakt mit dem öffentlichen Sektor gekommen, sondern habe mich mit Technologieunternehmen im breitesten Sinne beschäftigt. Ich bin allerdings Reserveoffizier. Das heißt, dass ich zwar nicht bei der Bundeswehr studiert habe, aber seit meinem Wehrdienst regelmäßig bei den Gebirgsjägern diene. Durch einen Offizierskameraden bin ich schließlich auf eine Stelle im Verteidigungsministerium gestoßen, als Director Operations & Finance im Bundeswehr Cyber Innovation Hub. Unsere Verantwortung war es, eine Schnittstelle zwischen der Startup-Szene und den Streitkräften aufzubauen, damit Innovationen und Technologien schnellstmöglich in die Streitkräfte gebracht werden. Das blieb für mich nur eine temporäre Rolle. Meine nächste Station war dann bei Palantir Technologies im strategischen Vertrieb. Das ist ein amerikanisches Software-Unternehmen, das Lösungen zur Datenintegration und– analyse entwickelt. Ich musste damals über 10 Interviews durchlaufen, bevor ich dann meinen Job als Business Cultivation Engineer antreten konnte. Meine Aufgabe war es, amerikanische Software-Lösungen in deutsche Sicherheitsbehörden zu bringen. Politisch gesehen also eine sehr heikle Angelegenheit. Wir waren regelmäßig mit kleinen Anfragen des Deutschen Bundestags konfrontiert. Aus den – teilweise schmerzhaften – Erfahrungen dieser letzten Stationen, also einerseits Softwarelösungen in den öffentlichen Sektor zu bringen und andererseits Behörden innovativ und digital zu gestalten, ist dann die Idee für GovRadar entstanden. Wir beschäftigen uns mit Beschaffung im öffentlichen Sektor.

Worum geht es bei euch genau?

Wir entwickeln eine Markterkundungsplattform. Unser Ziel ist es, echte Software-Innovationen auf den Radar der Behörden zu bringen. So ist auch der Firmenname entstanden. Letztlich sind wir eine Web-Applikation, mit der wir effizientes Markterkunden ermöglichen. Wir stellen Behörden einen Katalog zur Verfügung, in dem verschiedene Innovationen und Unternehmen vorgestellt werden und die man auch nach bestimmten Parametern filtern kann. Quasi wie bei einer dauerhaften Online-Messe. Vom Standort des Unternehmens bis zur Mitarbeiteranzahl und Umsätze, kann alles gefiltert werden. Weiterhin bieten wir den Behörden die Möglichkeit, die Software anonym zu testen. Wir setzen ganz bewusst in der Markterkundungsphase an, bevor die eigentliche Ausschreibung und Vergabe stattfindet. Dabei setzen wir darauf, den behördlichen Beschaffern Anonymität und damit Sicherheit hinsichtlich des Vergaberechts zu gewährleisten. Das Problem in der Vergabe ist, dass der Prozess unglaublich komplex für Unternehmen ist und sich dementsprechend nur die üblichen Verdächtigen wie SAP oder Microsoft auf eine Ausschreibung bewerben. Unsere Mission ist es, Startups mit neuen Innovationen in diesen Sektor zu bringen und einen Appell an die Behörden zu senden, dass nicht alles neu entwickelt werden muss, sondern viele Lösungen bereits existieren.

An welche Behörden richtet sich das genau?

Wir sind relativ uneingeschränkt, wir agieren europaweit, legen aber aktuell unseren Fokus auf die DACH-Region. Wir adressieren KundInnen auf allen Ebenen, d.h. von der kleinen Kommune bis zur Bundesbehörde.

Wie sieht es mit konkurrierenden Unternehmen aus?

Was bereits seit vielen Jahren existiert, ist eine Landschaft von Tools, die die Vergabe im engeren Sinn versucht zu optimieren. Also einen Schritt nach unserem Fokus, der Markterkundung. Das sind E-Vergabe-Portale, bei denen Behörden öffentlich ausschreiben und Unternehmen sich aktiv darauf bewerben können. In der Markterkundungsphase, also vor der Ausschreibung, gibt es bisher noch keine Lösungen. Wir sind der Auffassung, dass aber gerade in dieser Phase das größte Potenzial für Innovation steckt. Es ist wichtig, dass der Nutzer bzw. die Nutzerin im Voraus schon Verständnis dafür bekommt, was es alles gibt und wie eine einzelne Lösung das vorliegende Problem lösen würde.

Wie ist der Gründungsprozess abgelaufen?

Am Anfang des Jahres habe ich das Accelerator-Programm des Founder Institute (FI)durchlaufen, das ursprünglich aus dem Silicon Valley kommt. Und habe in diesem Zuge im März GovRadar gegründet. Ich habe zwar BWL studiert und war auch jahrelang in einer Strategieberatung tätig, musste aber trotzdem feststellen, dass ich eigentlich kaum Ahnung habe, wie man ein Unternehmen aufsetzt. In dem FI-Programm wird man an die Hand genommen und durch den gesamten Gründungsprozess geführt. In wöchentlichen Sessions pitcht man zunächst sein Startup vor unterschiedlichen MentorInnen und erhält dann Feedback und jeweils Input zu einem Fokus-Thema. Z.B. rechtliche Herausforderungen, Recruiting, Product-Market-Fit. Wir sind mit 25 ambitionierten Gründern gestartet und am Ende haben wir zu dritt das Programm abgeschlossen. Viele haben schlussendlich aufgegeben, gerade im Zuge der Corona-Krise, die sicherlich zusätzliche Zweifel für einen riskanten Schritt aufgebracht hat. Ich kann jedem der bzw. jeder, der bzw.die mit dem Gedanken spielt zu gründen, nur empfehlen an so einem Programm teilzunehmen. Ich habe sehr viel gelernt.

Warum haben Sie sich für den Schritt in die Selbstständigkeit entschlossen?

Das ist eine gute Frage. Nach meiner Rolle bei Palantir gab es keinen Job, der mich wirklich gereizt und begeistert hat. Man sagt ja, dass, wenn man nicht den passenden Job findet, ihn sich selbst schaffen soll. Mein Bruder hat dann den Stein ins Rollen gebracht, indem er meinte, dass ich ein absolutes Alleinstellungsmerkmal hätte. Ich habe durch meine Beratertätigkeit strategisches Denken, strukturiertes Arbeiten und viele Soft Skills gelernt und kann das kombinieren mit den Erfahrungen im und den Zugang zum öffentlichen Sektor.

Was war bisher das größte Erfolgserlebnis?

Ich glaube ein wesentlicher Schritt war, dass ich einer von den dreien war, die das Founder Institute abgeschlossen haben. Es überstanden zu haben und das weitestgehend positive Feedback hat mir natürlich die Bestätigung gegeben, dass meine Idee gut ankommt. Das mit Abstand beste Gefühl ist definitiv zu sehen, wie das Team wächst. Inzwischen sind wir zu siebt und alle bei uns arbeiten aus einer intrinsischen Motivation heraus und mit einer Begeisterung, Behörden besser zu machen – letztendlich im Interesse aller Bürger.

Was ist denn bisher die größte Herausforderung? Würden Sie rückblickend etwas ändern?

Viele sprechen mich häufig auf die derzeitige Situation an. Da wir kurz vor dem Lockdown gegründet haben, kennen wir nur die Krisensituation. Bisher funktioniert trotzdem alles ganz gut. Natürlich haben sich Kundenansprachen verzögert. Es war schon eine Herausforderung, mit den Behörden während des Lockdowns in Kontakt zu treten, da es natürlich auch hier viel Ratlosigkeit und Verunsicherung gab. Auf der anderen Seite versuche ich es positiv zu sehen und leite daraus einen Vorteil ab: Corona zeigt, dass wir endlich mehr für die Digitalisierung tun müssen und nicht nur Ämter, sondern beispielsweise auch die Schulen auf Vordermann bringen müssen. Wir hoffen auch, dass das Investoren inzwischen so wahrnehmen.

Welche Tipps können Sie unseren Studierenden mitgeben?

Auf jeden Fall immer hinterfragen, wo die eigene Leidenschaft liegt. Das klingt jetzt sehr nach Phrasendrescherei, aber es hilft enorm, wenn man etwas finden möchte, das wirklich Spaß macht und langfristig motiviert. Es verleiht zudem Authentizität und man vermittelt den Eindruck, dass man nicht nur antritt, um Geld zu verdienen. Außerdem habe ich gelernt, dass eine gewisse Hartnäckigkeit einen im Leben immer weiterbringt. Und man sollte sich mit den richtigen Menschen umgeben. Nicht nur ein Team, das gemeinsam an einem Strang zieht, sondern auch MentorInnen und Coaches, die einen uneigennützig unterstützen, sind extrem wichtig.

Text: Selina Mann
Foto: GovRadar UG

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